Vier Zurufe zu #wowk14 – Ja, wir brauchen eine bessere Wissenschaftskommunikation!

Posted on 26. Juni 2014

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Schloß Herrenhausen ehrwürdiger Tagungsort für den Workshop „Image statt Inhalt – Warum wir eine bessere Wissenschaftskommunikation brauchen“. (Foto: E.Franke/VolkswagenStiftung)

Reiner_Blog_miniEs rührt sich etwas im Lande. Verglichen mit den zurückliegenden Jahren könnte man es fast als einen heißen Sommer der Wissenschaftskommunikation bezeichnen: Im Mai das zweite Treffen des Siggener Kreises, eines losen Verbundes von Wissenschaftskommunikatoren und Journalisten, der ein ansehnliches Papier verabschiedete (das zwar noch weit entfernt davon ist, die Situation der Wissenschaftskommunikation realistisch zu umschreiben, aber doch strukturelle Ansätze bietet, welche Baustellen zu bewältigen sind), dann der Anti-PUSH der deutschen Wissenschaftsakademien, die eine wissenschaftsorientierte Wissenschaftskommunikation wollen, und jetzt hat die VolkswagenStiftung einen kleinen Kreis von Eingeweihten eingeladen, im ehrwürdigen Schloss Herrenhausen in Hannover die Situation der Wissenschaftskommunikation zu beraten: Image statt Inhalt? – Warum wir eine bessere Wissenschaftskommunikation brauchen.

Jens Rehländer, Kommunikator der VolkswagenStiftung, hat Wissenschaftskommunikation als Thema erkannt.

Jens Rehländer, Kommunikator der VolkswagenStiftung, hat Wissenschaftskommunikation als Thema erkannt.

Hashtag #wowk14, unter diesem Kennwort soll jedermann auf Twitter den Workshop verfolgen können. Ich selbst kann aus persönlichen Gründen nicht teilnehmen, werde hier jedoch in einem Storify die Gedankensplitter und Blogbeiträge der Teilnehmer zusammenfassen. Die Tagung in Hannover ist aus meiner Sicht die wichtigste Aktion dieses Sommers. Sie bietet nicht nur die einmalige Gelegenheit, dass sich die Antagonisten des Siggener Kreis und der Akademien-Studie austauschen und vielleicht doch noch auf einen gemeinsamen Nenner kommen (mehr dazu bei Jens Rehländer), sie bereitet auch das Thema Wissenschaftskommunikation von den Wurzeln her auf: „Nützt Wissenschaftskommunikation der Wissenschaft?“ fragen etwa Frank Marcinkowski (Uni Münster) und Matthias Kohring (Uni Mannheim), fünf „Betroffene“ von Wissenschaftskommunikation schildern, was ihre Kriterien für gute Wissenschaftskommunikation sind, Gesche Schifferdecker (Max Weber Stiftung) und Julia Wandt (Uni Konstanz) diskutieren über die Herausforderungen des Web 2.0 und Thomas Brunotte, Förderreferent der VolkswagenStiftung leitet einen Arbeitskreis „Die Praxis guter Wissenschaftskommunikation richtig fördern“. Umfassend, neue Aspekte, interessante Beteiligte.

Doch wenn ich die Vortragsabstrakts und die Papiere von Siggener Kreis und Akademien miteinander vergleiche, dann bleiben noch Fragen offen. Die vier wichtigsten möchte ich in einem Zuruf an den Workshop hier formulieren:

1. Zuruf: Wie seht Ihr die Rollenverteilung von Wissenschaft und Gesellschaft?

Die beiden Referenten Marcinowski und Kohring sehen Wissenschaftskommunikation als potenzielle Bedrohung der wissenschaftlichen Autonomie. Diese Wissenschafts-Freiheit aber ist ein Privileg, das von demokratischen Gesellschaften (auch in Diktaturen wird geforscht) gewährt wird, wie viele andere (wichtige und weniger wichtige auch). Daraus entsteht aber auch Verantwortung gegenüber dieser Gesellschaft. Und diese Gesellschaft strebt immer mehr nach Transparenz, Rechtfertigung, Mitsprache, ja sogar Beteiligung und Mitentscheidung. Daher ist Wissenschaftskommunikation im Sinn von Austausch mit der Gesellschaft nicht nur nützlich, sondern lebenswichtig für gute, international wettbewerbsfähige Wissenschaft. Denn wenn Wissenschaft die Entwicklungen in der Gesellschaft ignoriert, wird diese ihr nach und nach Privilegien entziehen, welche die Forschung aber andererseits braucht, um gut zu arbeiten. Ziel guter Wissenschaftskommunikation ist nicht allein die Vermittlung von Forschungsergebnissen oder des wissenschaftlichen Lebens, es muss der Austausch der Wissenschaft mit der Gesellschaft sein (oder besser: mit den anderen Gruppen der Gesellschaft, denn Wissenschaft ist ja ein Teil der Gesellschaft).

2. Zuruf: Welche Stellenwert gibt die Wissenschaft der Kommunikation?

Diese Frage hat zwei Seiten: Wie bewertet die Wissenschaft Wissenschaftler, die gut kommunizieren, ist dies ein positiver oder negativer Karrierefaktor? Es werden immer nur einzelne „Naturtalente“ sein, die ohne spezielle Schulung perfekt kommunizieren, andere werden die Kommunikation wichtig nehmen und sich entsprechend im Web oder in den traditionellen Medien engagieren. Bekommen sie den Freiraum, wie wird das bewertet, haben sie einen Platz im Wissenschaftssystem? Nicht alle aber können sich der komplexen und zeitaufwändigen Aufgabe der Kommunikation widmen, primäre Aufgabe von Wissenschaftlern ist es, gute Wissenschaft zu machen. Alle sollten aber wenigstens in ihrer Ausbildung einen Eindruck bekommen, wie Kommunikation in unserer Gesellschaft funktioniert und wie wichtig sie ist.

Und die zweite Seite: Welche Stellung haben die „Kommunikatoren“ im Wissenschaftssystem? (Ich finde dieses Wort furchtbar, bevorzuge die Bezeichnung „Forschungssprecher“.) Sind sie Handlanger der Wissenschaftler oder sind sie für das komplexe Feld der Kommunikation loyale Berater auf Augenhöhe, Konzipierer, Durchführer, Manager?

3. Zuruf: Was versteht Ihr denn nun unter „guter Wissenschaftskommunikation“?

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Gut Siggen in Holstein – Treffpunkt und Namensgeber des Siggener Kreises. (Foto: WiD)

Die Frage nach der Qualität, und wie sie aussieht, wie sie sich aber auch tatsächlich erreichen lässt. Forschungssprecher sind Dienstleister, an der Wissenschaft, an Wissenschaftlern, für die Kommunikation in die Gesellschaft. Bei Dienstleistern bestimmt der Kunde, was Qualität ist. So kann ein Wissenschaftler bestimmen, nur auf hohem Niveau zu kommunizieren („Einhaltung wissenschaftlicher Qualitätsstandards und wissenschaftlicher Redlichkeit“ nennen dies die Akademieempfehlungen), er darf sich dann aber nicht wundern, wenn er in der Gesellschaft, die unter Informationsüberflutung leidet, kaum wahrgenommen wird, seine Stimme kein Gehör bekommt. In der Diskussion werden oft Gegensätze konstruiert zwischen guter Wissenschaftskommunikation, die wahrhaftig ist, die Grenzen nennt und bekannte Risiken, und anderen Kommunikationsbereichen wie Marketing und PR. Die Akademien verurteilen sogar „die Techniken und die Sprache der Werbewirtschaft, des Marketing und der Public Relations.“ Das ist falsch. Wissenschaftskommunikation ist nichts anderes Marketing oder PR, eben der Wissenschaft Gehör verschaffen in dieser Gesellschaft. Wissenschaftskommunikatoren brauchen also diese Techniken – aber richtig eingesetzt. Richtig eingesetzt! Wer diese Techniken – und für bestimmte Zielgruppen auch die Sprache – nicht beherrscht, kann nicht professionell arbeiten. Und Professionalität ist in der Wissenschaftskommunikation nur selten zu finden.

4. Zuruf: Schreibt nicht nur schöne Worte, bereitet den Weg zum Handeln vor!

Professionalität – also in voller Kenntnis des Systems Wissenschaft, seiner Inhalte, Normen und Werte, mit allen Wassern moderner Kommunikation gewaschen zu sein – war die Eigenschaft, die ich persönlich in 40 Jahren Zusammenarbeit mit Forschungssprechern (es waren viele), und auch in den Diskussionen bis heute, am häufigsten vermisst habe. Im Diskussionspapier „Leitlinien für gute Wissenschaftskommunikation“ des Siggener Kreises (eigentlich ein ganz gutes Papier, das zwar nicht weiter geht als der Kommunikationskodex des Deutschen Rats für Public Relations, aber wissenschaftsaffiner formuliert ist) kommt das Wort Professionalität nicht vor. Ein Grund: Wo hätten Forschungssprecher denn auch Wissenschaftskommunikation professionell lernen können? Wenn über Fehler in Pressemeldungen, Übertreibungen, falsche Hoffnungen und übertriebene Eitelkeiten in der Wissenschaftskommunikation geklagt wird, dann ist die Ursache dafür mangelnde Professionalität, denn jeder PR-Profi weiß, dass solche Fehler bitter zurückschlagen, nicht nur in der Wissenschaft. Aber es gibt in Deutschland keine Möglichkeit, Wissenschaftskommunikation in ihrer ganzen Breite fundiert zu lernen. Weder für Ausbildung noch für einschlägige Fortbildung. Das ist eines der größten Defizite auf dem Weg zu besserer Wissenschaftskommunikation. Wer bessere Wissenschaftskommunikation haben will, sollte hier zuerst etwas tun.

Noch ein Grund, weshalb bessere Ausbildung dringend Not tut: Wie soll denn ein Institutsleiter, seines Zeichens wohlbestallter, verdienter und hoch ausgezeichneter Professor, der die ganze akademische Laufbahn durchlaufen hat, seinen Kommunikator als Berater auf Augenhöhe akzeptieren, wenn der lediglich einen kaum nachvollziehbaren Weg in den Journalismus oder aber – häufige Kommunikatoren-Karriere – lediglich nach der Promotion den Schritt in die Pressestelle eines Instituts vorzuweisen hat. Eine fundierte Ausbildung mit entsprechendem Abschluss, alternativ oder ergänzt durch eingehende Fortbildung, kann da Vertrauen und Wirksamkeit für die Kommunikatoren schaffen. Ich setze da auf den Arbeitskreis „Die Praxis guter Wissenschaftskommunikation richtig fördern“. Hier: Aus- und Fortbildung!!!

Zum verlauf der Diskussionen: Mein umfassendes Storify „Image durch Inhalt“.

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