Leit(d)linien? – oder Die Emanzipation der Wissenschaftskommunikation

Posted on 14. April 2016

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Blogautor Wissenschaft kommuniziert

Entwicklungsfähige Leitlinien markieren die Emanzipation der Wissenschaftskommunikation in Deutschland.

Entwicklungsfähige Leitlinien markieren die Emanzipation der Wissenschaftskommunikation in Deutschland.

Der 15. April 2016 ist für die Wissenschaftskommunikation in Deutschland ein besonders bemerkenswerter Tag. Denn am Freitag werden in Berlin die Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR offiziell vorgestellt.

So? Ist das wirklich so? – Mag da mancher meinen. Was ist schon so Besonderes daran, wenn sich ein paar Leute zu den Grundlagen ihres Berufsstands Gedanken machen, die dann jeder kopfnickend liest und doch damit nichts anzufangen weiß? Und dies auch noch angesichts der Tatsache, dass diese Leitlinien keineswegs ein gelungenes Meisterwerk sind?

Oh doch! Denn mit diesen Leitlinien betritt die Wissenschaftskommunikation in Deutschland zum ersten Mal als geschlossene Einheit innerhalb des Wissenschaftssystems die Szene. Wohlgemerkt: Nicht von oben herab (sprich: von den Wissenschaftlern und ihren Institutionen) verordnet, nicht in Festreden oder als Statement von Organisationen, sondern mit einer eigenen Leistung, die zugleich eine gemeinsame Basis festschreibt, auch wenn sie entwicklungsfähig bleibt. Die Wissenschaftskommunikation in Deutschland emanzipiert sich.

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Mitinitiatorin der Leitlinien: Elisabeth Hoffmann.

Es ist noch gar nicht so lange her, da war Wissenschaftskommunikation in Deutschland praktisch ein Fremdwort. Nur eine kleine Schar von „Pressesprechern“ in Instituten, Organisationen und Institutionen beschäftigte sich damit. Sie hatten vielleicht zu einigen Kollegen persönliche Kontakte, aber gemeinsame Gedanken über Grundlagen ihrer Arbeit, über Werte und Vorgehensweisen, über die eigene Rolle und das Selbstverständnis machten sie sich eigentlich nie. Man hatte genug damit zu tun, den keineswegs immer sachgerechten Wünschen der Dienstherren (sprich: der Wissenschaftler) nachzukommen. Selbst gestandene Kollegen wichen – anstatt mit Rückgrat und ihrem Fachwissen zur Kommunikation zu argumentierten – dem Druck von oben aus und versenkten Pressemitteilungen, die sie für absolut überflüssig hielten „in den IDW-Sumpf“, wie hier beschrieben. Viel schlimmer war die Situation noch für die vielen Einzelkämpfer in unzähligen Instituten und Institutionen, die – oft ohne entsprechende Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten – die „Pressestelle“ übernommen hatten und sich meist als „Mädchen für alles“ und einsam im Aufgabenwust verzettelten, der ihnen aufgeladen wurde. Ein gemeinsames Selbstverständnis der

Mitinitiator der Leitlinien: Markus Weißkopf.

Mitinitiator der Leitlinien: Markus Weißkopf.

Forschungssprecher gab es damals nicht. Dies zu fördern war auch einer der wichtigsten Gründe, weshalb ich diesen Blog vor viereinhalb Jahren gegründet habe (um damit auch ein Gefühl für die kurze Zeit zu geben, in der sich alles entwickelt hat).

Mit den „Leitlinien“ wird dieses Selbstverständnis jetzt zum ersten Mal dokumentiert. Sie sind entstanden aus den Ideen weniger, die etwas für die Qualität der Wissenschaftskommunikation in Deutschland tun wollten, wurden vorbereitet und formuliert im Kreise einiger Engagierter, veröffentlicht als Entwurf, diskutiert in mehr oder weniger zufällig zusammengewürfelten Runden, natürlich auch in diesem Blog (Leitlinien zur Sackgasse? – Fünf Einwürfe zu den „Leitlinien guter Wissenschafts-PR“), und jetzt in Berlin vorgestellt. Das bemerkenswerte daran: Hier zeigt die Wissenschaftskommunikation in Deutschland zum ersten Mal, welche Rolle sie innerhalb der Wissenschaft spielen muss und möchte.

Mitinitiator der Leitlinien: Jens Rehländer.

Mitinitiator der Leitlinien: Jens Rehländer.

Dass dabei die Forschungssprecher, die daran mitgewirkt haben, vielleicht noch zu sehr in ihrer überkommenen Stellung als Ausführende des Wissenschaftler-Willens verhaftet geblieben sind, ist angesichts der Entwicklung von wenigen Jahren entschuldbar. Doch sie betonen auch eindeutig, welche Forderungen die Kommunikation mit der Gesellschaft an die Wissenschaftler stellt: Offenheit, Verständnis für andere, Transparenz, Redlichkeit, Dialogorientierung. Hier geht es nicht mehr nur um „Pressesprecher“ als Erfüllungsgehilfen, sondern um Partner – vor allem auch Sparringspartner – der Wissenschaftler bei der komplexen Aufgabe Kommunikation.

Da dies ein wichtiger Schritt für die Community der Wissenschaftskommunikatoren ist, sollen auch die wichtigsten Protagonisten genannt und ihnen damit für ihr Engagement, für ihre Mühen, für erlittene Unbill und für den Zeitaufwand gedankt werden. Es sind dies Dr. Elisabeth Hoffmann, langjährige Vorsitzende des Bundesverbandes Hochschulkommunikation, Markus Weißkopf, Geschäftsführer der von den großen Forschungsorganisationen gegründeten Agentur „Wissenschaft im Dialog“, Franz Ossing, langjährig Pressesprecher des Deutschen GeoForschungsZentrums Potsdam und Jens Rehländer, Leiter Kommunikation der

Mitinitiator der Leitlinien: Franz Ossing.

Mitinitiator der Leitlinien: Franz Ossing.

Volkswagenstiftung (wenn ich einen vergessen habe, bitte melden). Sie waren die treibenden Köpfe und Macher, doch ohne die Unterstützung der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. mit dem Tagungsort „Gut Siggen“, wo im „Siggener Kreis“ die Grundgedanken formuliert und diskutiert wurden, wären sie wahrscheinlich auch nicht so weit gekommen.

Und dennoch bleibt: Die „Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR“ sind bestenfalls ein erster Schritt. Nicht nur, dass ihre Inhalte gegenüber dem ersten veröffentlichten Entwurf zwar durch einige sprachliche Modifizierungen entwickelt, aber nur graduell verbessert wurden, es gilt auch, sie bei Wissenschaftlern und bei den Wissenschaftskommunikatoren durchzusetzen und vor allem sie anzuwenden. Es gilt aber auch, Ausbildungs- und Fortbildungswege zu schaffen, durch die Forschungssprecher in die Lage versetzt werden, die Leitlinien praktisch umzusetzen indem sie Wissenschaftler auf Augenhöhe mit kompetentem Wissen bei ihrer Kommunikation unterstützen. Denn die Emanzipation der Wissenschaftskommunikation ist ja nicht gegen die Wissenschaftler gerichtet (auch wenn sich das manchmal so anhört), sondern sie soll ihnen helfen, mit der sich rasant wandelnden Gesellschaft zurecht zu kommen. Dazu aber ist sicher auch eine große Debatte in der Wissenschaft selbst notwendig, über Notwendigkeit, Chancen und Risiken einer besseren Kommunikation mit der Gesellschaft.

Es fehlen noch viele Dinge, bevor sich Wissenschaftskommunikation in Deutschland nicht nur emanzipiert, sondern auch ihre notwendige Rolle im Wissenschaftsgeschehen gefunden hat. Das beginnt mit einer gültigen Definition dessen, was Wissenschaftskommunikation ist, und was Wissenschafts-PR, wovon die Leitlinien ständig sprechen (aber im definitionsversuch dann doch wieder die umfassende Kommunikation meinen). Es fehlt das Bewusstsein in der Wissenschaft, wie wichtig für sie in Zukunft, in einer auf Transparenz und Partizipation ausgerichteten Gesellschaft, Kommunikation sein wird, wenn sie die ihr (von der Gesellschaft gewährten) Privilegien erhalten erhalten will, die sie für gutes Arbeiten braucht. Es fehlt vor allem auch ein Bewusstsein für die Verantwortung, die Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft hat. Selbst die Leitlinien gehen ganz wesentlich davon aus, dass Kommunikation vor allem dazu dienen sollte, Akzeptanz und Verständnis für wissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden zu schaffen. Im Entwurf stand als Lead sogar noch der apodiktische Satz „Wissenschaft dient der Gesellschaft“, als ob die Ambivalenz neuer Erkenntnisse nicht längst erwiesen wäre. Tatsächlich ist es doch so, dass die Gesellschaft die Wissenschaft trägt – in allen Belangen, von der Forschungsfreiheit und den Finanzen bis hin zum Nachwuchs – und dass daraus eine Verantwortung der Wissenschaft gegenüber dieser Gesellschaft erwächst, die sie vor allem durch Kommunikation wahrnehmen kann.

Das sind große Fragen, denen sich die Wissenschaft stellen muss, will sie sich in dieser Gesellschaft auch auf lange Sicht behaupten. Die Wissenschaftskommunikation als ihre Schnittstelle zur Gesellschaft kann sie dabei ganz wesentlich unterstützen, wenn sie emanzipiert ist und nicht mehr nur als Erfüllungsgehilfe agieren darf. Immerhin, einAnfang zur Emanzipation der Wissenschaftskommunikation ist gemacht, das ist das große Verdienst der Leitlinien. Auch wenn – siehe oben – noch viel zu tun bleibt.

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