Der „Marsch für die Wissenschaft“ ─ Vier Gedanken und ein Fazit

Posted on 14. März 2017

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"March for Science" "Marsch für die Wissenschaft" #sciencemarch

Das globale Logo des „March for Science“ ruft auf zur Demonstration für eine faktenbasiertes Demokratie: Am 22. April 2017.

Blogautor Wissenschaft kommuniziert Am 22. April wollen Tausende von Menschen in über 300 Städten rund um den Erdball für die Wissenschaft auf die Straße gehen, zum „March for Science“. Mit dem „Marsch für die Wissenschaft“ demonstrieren sie für eine Welt, in der Fakten wichtig sind − so wichtig, dass weltweit Millionen von Wissenschaftlern jeden Tag nach neuen Fakten suchen, damit sie uns helfen, diese Welt zu erklären, sie zu verbessern und die Zukunft der Menschheit auf diesem Planeten zu sichern. Die Idee dazu entstand nach dem eindrucksvollen Marsch der Frauen im Januar in Washington. Angesichts der wissenschaftsfeindlichen Politik des neuen Präsidenten Donald Trump will nun auch die Wissenschaft ein Zeichen setzen, und dies mit einer machtvollen Demonstration im politischen Zentrum von Washington. Schnell schlossen sich Initiativen weltweit an, allein in Deutschland soll am 22.April (nach derzeitigem Stand) in elf Städten demonstriert werden.

Mein erster Gedanke dazu: Begeisterung.

Vorbild King für "March for Science" "Marsch für die Wissenschaft" #sciencemarch

„I have a dream“: Martin Luther King bei der historischen Demonstration der Bürgerrechtler 1963 in Washington.

Ja, das ist genau das Richtige. Erinnerungen an Martin Luther Kings „I have a dream“ und die historische Demonstration der Bürgerrechtler in Washington 1963 vor dem Lincoln Memorial schossen durch meinen Kopf. Eine ebenso machtvolle Demonstration, ein ebenso visionärer Redner – das wäre es, was die Wissenschaft dem zunehmenden Populismus, der Faktenverleugnung, den Meinungsblasen in aller Welt entgegensetzen sollte. Wie dramatisch die Situation für Wissenschaft, Toleranz und Demokratie in einer Welt der „alternativen Fakten“ ist, hatte ich gerade erst in einem Interview mit DFG-Präsident Prof. Peter Strohschneider besprochen. Mit einer weltweit getragenen, weithin sichtbaren Demonstration würde die Kommunikation der Wissenschaft mit der Gesellschaft endlich vom Katheder herabsteigen, sich auf die Ebene der Basis stellen, die sie trägt – eben die Gesellschaft – und Wege der politischen Kommunikation einschlagen, um nicht nur im eigenen Interesse, sondern für alle etwas zu bewegen.

Wissenschaft und Gesellschaft "Marsch für die Wissenschaft" "March for Science" #sciencemarch

DFG-Präsident Prof. Strohschneider mahnt zu mehr Gesellschaftsorietierung der Wissenschaftler. (Foto: DFG)

Tatsächlich wollen die Veranstalter der Demonstrationen nicht nur Wissenschaftler auf die Straße bekommen. „Alle, denen die deutliche Unterscheidung von gesichertem Wissen und persönlicher Meinung nicht gleichgültig ist, sind eingeladen, sich an dieser weltweiten Demonstration für den Wert von Forschung und Wissenschaft zu beteiligen“, heißt es etwas kompliziert in ihrem Aufruf. Denn sie schätzen den Wert von Wissenschaft für die Gesellschaft weit höher ein als lediglich in der Schaffung von Grundlagen für neue Medikamente, Mobiltelefone, andere Arten von Produkten und Arbeitsplätze: „Kritisches Denken und fundiertes Urteilen setzt voraus, dass es verlässliche Kriterien gibt, die es erlauben, die Wertigkeit von Informationen einzuordnen. Diese Kriterien zu schaffen, das sei die eigentliche Aufgabe von Forschung, „alternative Fakten“ und Faktenleugnung aber entzögen jedem konstruktiven Dialog die .Basis. „Da aber der konstruktive Dialog eine elementare Grundlage unserer Demokratie ist, betrifft eine solche Entwicklung nicht nur Wissenschaftler/innen, sondern unsere Gesellschaft als Ganzes.“ Recht haben sie! Ein wichtiges Anliegen. Also lasst uns am 22. April marschieren.

Der zweite Gedanke: Wie wollen die das schaffen?

Bürger auf die Straße zu bringen für ein derart abstraktes, weit von der eigenen Lebenswelt entferntes Ziel: Das ist nicht leicht, das wissen diejenigen, die häufiger Demonstrationen organisieren, wie Umweltorganisationen oder Gewerkschaften. Eine erste Recherche im Internet endete enttäuschend. Ein paar Websites mit der tollen, treffsicheren Begründung, einige Aufrufe zur Mitarbeit, einige Solidaritätsadressen von Wissenschaftskommunikatoren, ansonsten vereinzelte Interviews. Unterstützung von Außen dagegen eher wenig, und dann etwa von einer ominösen Humanistischen Partei oder der seit Jahrzehnten eher in ihrer Nische werkelnden „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ (GWUP): Wirklich keine Basis für eine breite Bürgerbewegung.

Deutscher "March for Science" "Marsch für die Wissenschaft"

Das deutsche Logo des „Marsch für die Wissenschaft“ – auf Englisch. Es ist schwierig Wissenschaftler und Bürger für die Wissenschaft zu bewegen.

Und die Organisation? Ansprechpartner, einschlägig bekannte Namen, Telefonnummern für Rückfragen – Fehlanzeige. Kontaktaufnahme nur auf zeitraubenden Umwegen. Es dauerte zehn Tage, bis ich einen Gesprächspartner am Telefon hatte, für eine routinierte Organisation spricht das nicht. Ist auch kein Wunder: Die Initiatoren des „March for Science“ in Deutschland sind ein junges Paar aus Bochum, sie Bildungsforscherin, er Nicht-Wissenschaftler (Regisseur). Eigentlich wollten sie am 22. April an einer Solidaritätskundgebung für den Science March in den USA teilnehmen, fanden aber nirgendwo in Deutschland eine Gelegenheit. Also beschlossen sie kurzweg, dann eben selbst den Science March Deutschland auf die Beine zu stellen. Gemacht hatten sie so etwas noch nie.

Heute ist daraus eine Bewegung geworden. In elf Städten (Berlin, Bonn/Köln, Dresden, Frankfurt, Göttingen, Hamburg, Heidelberg, Leipzig, München, Stuttgart, Tübingen) gehen Menschen am 22. April für Wissenschaft und Fakten auf die Straße. Die Organisation und damit die Werbung um Teilnehmer obliegt jeweils den regionalen Gruppen. Doch damit wird das Problem der mangelnden Organisationserfahrung verelffacht.

Immerhin einige der Organisatoren haben „Kampagnenerfahrung“, wie man das Organisieren von derartigen Großereignissen nennt. Viele kommen nicht aus der Wissenschaft, sondern haben als Bürger erkannt, teils mit wissenschaftlichem Studium im Hintergrund, wie wichtig es für eine Gesellschaft ist, konkretes Wissen und Fakten ernst zu nehmen. Alle sind auf die Unterstützung der Wissenschaft fokusiert. Und haben dennoch ganz unterschiedliche Erfahrungen mit dem Engagement der Wissenschaft selbst gemacht.

Da klagen die einen, wie unsicher Wissenschaftsorganisationen sind, wenn es gilt, die Brücke zur Gesellschaftspolitik zu schlagen. „Nur keine parteipolitische Ausrichtung“ drängen sie den Organisatoren auf, als Partner am besten nur Wissenschaftsorganisationen. Als ob es eine unpolitische Wissenschaft gäbe, als ob nicht Faktenverleugnung, Fake News und Wissenschaftsfeindlichkeit gerade von Politikern in ihrem Machtstreben genutzt würden – nicht nur in den USA, auch in Europa, in Deutschland (wo solche Tendenzen mächtig Auftrieb haben, aber bislang eben noch nicht zu Wahlsiegen gekommen sind). Andere von den Organisatoren beklagen die Scheu von Wissenschaftlern, wenn es um ihr gesellschaftspolitisches Engagement für die Wissenschaft geht, nach dem Motto „Nur nicht aus dem Fenster lehnen“, auch wenn es um die eigene Sache geht.

Der dritte Gedanke: Wer wird denn da hingehen?

Demonstranten "March for Science" "Marsch für die Wissenschaft" #sciencemarch

So wünschen sich das die Organisatoren: Zehntausende demonstrieren auch in Deutschland für Wissenschaft und ihre Werte.

Werden dies nur Wissenschaftler und Studenten sein, die sozusagen für die eigenen Interessen demonstrieren oder erreichen die Organisatoren ihr Ziel, gerade auch Bürger auf die Straße zu bekommen, die den Wert der Forschung und der Fakten für die Gesellschaft erkannt haben?

Zunächst einmal: Schon die Wissenschaftler auf die Straße zu bekommen dürfte sehr schwer werden. In den USA streiten die Forscher bereits öffentlich, ob es nicht besser wäre, fein still zu bleiben, den Gegner nur nicht mit einer großen Demonstration zu provozieren. Und nach aller Erfahrung dürfte diese Haltung auch in Deutschland weit verbreitet sein das bequeme stille Kämmerlein. Und auch die großen Wissenschaftsorganisationen halten sich auffallend mit Solidaritätsadressen zurück. Da ist es schon bemerkenswert, wenn sich ein einzelnes Helmholtzzentrum (München) per Twitter zum „Marsch für die Wissenschaft“ bekennt.

Und die Bürger außerhalb der Wissenschaft und der Universitäten? Wie sollen sie dazu motiviert werden, sich in einer Demonstration zu outen? Wie davon erfahren, wie den unbekannten Veranstaltern vertrauen, wie von den abstrakten Zielen überzeugt werden, wie sollen sie sicher sein, nicht von irgendjemandem für eigene Interessen und parteipolitische Ziele missbraucht zu werden? Das erscheint für „Nobodys“ als Veranstaltern fast aussichtslos.

Da helfen nur Partner, denen die Bürger ohnehin schon vertrauen (selbst wenn sie mit ihnen nicht unbedingt einer Meinung sind). Wissenschaftliche Gesellschaften mit unverständlichen Namen oder einzelne (vor allem in Wissenschaftskreisen bekannte) Forscher – vorzugsweise Nobelpreisträger genügen da nicht. Wer sich in die Gesellschaftspolitik wagt, braucht Partner aus diesem Feld. Bei allem Verständnis für die Furcht vor parteipolitischer Ausrichtung, aber da gibt es hunderte andere Möglichkeiten für Partnerschaften mit großen, vertrauenswürdigen Organisationen und Institutionen, die ebenfalls daran interessiert sind, dass Fakten und wissenschaftliche Ergebnisse eine wesentliche Basis für gesellschaftliche Entscheidungen bleiben. Das beginnt bei der Wirtschaft und endet noch lange nicht bei den Gewerkschaften, dazu gehören Umweltverbände und Bürgerinitiativen ebenso wie große Stiftungen und Verbände gesellschaftlicher Institutionen, etwa der Kommunen, oder aber auch Webinstitutionen wie Facebook, Google oder Wikipedia..

Doch wenn die Wissenschaft Angst hat, den Schritt vom Katheder herab entschieden zu tun, sich mit Organisationen der Gesellschaft gemein zu machen, dann darf sie sich nicht wundern, wenn ihre neue Form der Wissenschaftskommunikation in der Gesellschaft gar nicht wahrgenommen wird, wenn nur wenige Bürger mitmarschieren, wenn der große „Marsch für die Wissenschaft“ doch nur wieder erscheint, wie eine kleinere oder mittlere Demonstration von Forschern für ihre eigenen Interessen.

Das Anliegen dieses Marsches für eine Gesellschaft, in der nicht der Populismus regiert und Fakten als Meinungen abgetan werden ist wichtig und groß. Wenn dafür aber nur ein paar tausend Menschen auf die Straße gehen, dann ist dies für die Wahrnehmung dieses Ziels im öffentlichen Bewusstsein eher kontraproduktiv. Natürlich zählt bei einer Demonstration nicht nur das Ziel, sondern ganz besonders auch die Zahlen. Das erschreckende an Pegida waren ja nicht die unsäglichen Meinungen, die da jeden Montag verbreitet wurden, sondern dass dafür wöchentlich zehntausend Menschen oder mehr in einer einzigen Stadt aufmarschierten. Die Veranstalter des „Marsches für die Wissenschaft“ hoffen bescheiden auf 50.000 Teilnehmer am 22. April bundesweit es gibt in Deutschland allein 2,8 Millionen Studenten, die hier für ihre eigene faktenorientierte Zukunft demonstrieren könnten.

Der vierte Gedanke: Und was kommt danach?

Angenommen (und erhofft!) die Demonstration am 22. April wird ein großer Erfolg, in den USA wie in Deutschland. Wissenschaftler und Bürger zeigen gemeinsam, dass ihnen Fakten, der konstruktive Disput, vor allem aber, dass ihnen gemeinsame Werte in der Demokratie wichtig sind machtvoll, mit visionären Reden, mit so vielen Teilnehmern dass sie von Gegnern, Medien und Politikern ernst genommen werden müssen. Doch was dann?

Wissenschaft braucht mehr gesellschaftspolitisches Engagement. Das unterstreicht nicht nur DFG-Präsident Prof. Peter Strohschneider, das zeigen die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre. Ein „Marsch für die Wissenschaft“ wäre ein guter Anfang, aber wie geht es danach weiter? Da gibt es nur große Fragezeichen. Selbst wenn die Organisatoren nicht ob des Erfolges in große Euphorie verfallen – haben sie die Kraft und die Mittel, das Engagement zu verstetigen? Was fehlt in Deutschland, ist eine große Organisation, die sich die Ziele des Marsches zu eigen machen könnte. In den USA ist dies die AAAS, die American Association for the Advancement of Science, mit 120.000 Mitgliedern die größte Wissenschaftsorganisation der Welt, die auch sofort den „March for Science“ unterstützt hat.

In Deutschland fehlt solch eine Organisation, die nicht nur Bürger und Forscher als Mitglieder hat, sondern die sich auch als Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft versteht. Interessanterweise wurde die AAAS vor fast 170 Jahren sogar nach dem Vorbild einer deutschen Vereinigung gegründet, der GDNÄ (Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte). Auch sie existiert noch immer (ich selbst war zehn Jahre lang und gern Pressereferent der GDNÄ), aber das lange Festhalten an Traditionen hat hier verhindert, dass sie sich als Brücke zur Gesellschaft versteht und nicht nur als Sprachrohr der Wissenschaft.

Was also kommt nach dem „Marsch für die Wissenschaft“? Das große Fragezeichen. Auch wenn die Veranstalter sich fest vorgenommen haben, nach dem 22. April darüber nachzudenken. Wenn der Marsch ohne nachhaltige Konsequenzen im Verhältnis Wissenschaft und Gesellschaft bleibt, bleibt er eine Episode, die nichts wirklich bewirkt.

Gar nicht auszudenken, was sein wird, wenn der „Marsch für die Wissenschaft“ mangels Teilnehmern zu einem Misserfolg wird, der lange Jahre nachhallen wird bei jedem weiteren Versuch, Wissenschaftskommunikation vom Katheder herunter auf die gesellschaftliche Basis zu holen. Mit der großen Chance ist auch ein enormes Risiko verbunden.

Fazit: Was also tun?

Gedanken sind gut, je mehr desto besser. Doch man darf sich dadurch nicht vom Handeln abhalten lassen. Also werde ich am 22. April dabei sein, mitmarschieren. Damit will ich einerseits meinen Beitrag dazu leisten, dass unsere Gesellschaft weiterhin durch konstruktiven Disput in einer aufgeklärten Demokratie bestimmt wird. Andererseits will ich helfen, dass die Wissenschaft mehr Bewusstsein für die Öffnung zur Gesellschaft entwickelt. Denn das wird sie brauchen, auch ohne Populismus, ganz abgesehen von Pegida und Donald Trump. Wenn Wissenschaft in Zukunft weiter mit den notwendigen Privilegien gut arbeiten will, muss sie lernen, auf die Gesellschaft zu hören. Je stärker die Demonstration am 22. April ist, umso mehr Wirkung wird der „Marsch für die Wissenschaft“ auch in die Wissenschaft hinein haben. Die politische Landschaft wird er wohl eher nicht verändern, da bin ich nicht sehr optimistisch, schon gar nicht in einem Wahlkampfjahr.

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