Wie wichtig ist Wissenschaft für die Gesellschaft? (2) – Der Nutzen nimmt ab

Posted on 6. Februar 2018

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Die Krise im Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft: Im ersten Teil seines Gastbeitrags beschrieb Prof. Ulrich Wengenroth, wie – aus Sicht der Gesellschaft – die Forschung große Erwartungen enttäuscht und die Technik relativ immer gefährlicher wird. Im Teil 2 beschreibt er, dass der Nutzen neuer Entdeckungen und Techniken relativ immer geringer wird.

Prof. Dr. Ulrich Wengenroth, Ordinarius für Geschichte der Technik i.R., Technische Universität München
Foto: Eckert/Heddergott TUM

Teil 2: Der Grenznutzen nimmt ab – Vom vitalen Fortschritt zu Lifestyle-Produkten

3 – Lifestyle statt Fortschritt

Die großen Infrastruktur-, Hygiene- und Komfortinnovationen von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts hatten neben der enormen Arbeitserleichterung durch Arbeitsmaschinen für die meisten Menschen eine spürbare Verbesserung ihrer Lebensbedingungen bedeutet. Die Lebenserwartung stieg, die körperliche Mühe nahm ab, die eigene Wohnung war das ganze Jahr über behaglich temperiert, mit der Elektrizität aus der Dose stand eine universelle private Energiequelle ohne Eigenaufwand zur Verfügung und frisches Trinkwasser kam in beliebigen Mengen aus der Wand. In den folgenden Jahrzehnten – in den USA früher, in Europa später und in der übrigen Welt erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts – kamen weitere technische Angebote hinzu, an denen in den reichen Ländern recht bald die Mehrheit der Bevölkerung partizipierte. Man konnte sich einen Fernseher, ein Telefon, ein Auto leisten, alles Produkte, die nicht nur das Selbstbewusstsein hoben, sondern auch neue Erlebniswelten erschlossen. Die Kinder konnten, da sie nicht als Arbeitskräfte und Gelderwerber benötigt wurden, einen höheren Bildungsabschluss erwerben. Und mit steigendem Wohlstand wurden es ohnehin immer weniger Kinder, auf die sich die elterliche Fürsorge konzentrieren konnte.

Qualitativ ebenso umwälzende Erfahrungen durch neue Technik waren danach kaum mehr zu machen, indem allmählich alle in den hoch technisierten Lebenswelten ankamen. Das Zweitauto, der Fernseher in jedem Zimmer, ebenso wie Telefonanschlüsse überall und die Klimaanlage jetzt auch im Auto sowie Mobiltelefone, die fotografieren und filmen können, und die Möglichkeit, mit einer großen teuren Maschine in der ohnehin überfüllten Küche jetzt auch einen kleinen Espresso kochen zu können. All das war kein Vergleich mit der persönlichen Fortschrittserfahrung, die das Ende schwerer körperlicher Arbeit, erstmals immer verfügbares sauberes Trinkwasser, eine im Winter immer warme Wohnung oder ein eigenes Badezimmer auslösten.

Lebenserwartungen lassen sich nicht dauerhaft verdoppeln. Der Wegfall von körperlicher Plackerei ist ein einmaliger, nicht steigerungsfähiger Vorgang. Eine behagliche Temperatur kann nicht verbessert werden. Und keimfrei ist keimfrei und sollte so bleiben. Man kann den Unterschied auch in Form eines einfachen Gedankenspiels deutlich machen: Sind die meisten neuen technischen Konsumartikel, die unsere Haushalte füllen, heute Dinge, von denen die Menschen vor deren erstmaligem Auftauchen nicht wussten, dass sie sie vermissen, so ist das bei sauberem Trinkwasser, ausreichender Nahrung, weniger körperlicher Erschöpfung, warmer Wohnung und längerer Lebenserwartung deutlich anders.

Indem die Technik der Moderne in der Vergangenheit große Erwartungen binnen historisch sehr kurzer Zeit erfüllt und oft sogar noch übertroffen hat, hat sie zugleich noch größere Erwartungen geschürt. Wachstumserwartungen können aber grundsätzlich nicht nachhaltig sein, da sie durch ihre Erfüllung weiter inflationiert werden. Nicholas Rescher hat diesen Effekt sehr eingängig visualisiert. Mit der Erfüllung der Fortschrittserwartung über längere Zeit entsteht eine immer robustere Erwartungshaltung auf weiteren Fortschritt. Die Verbesserung, wie auch immer gemessen, wird zur Normalerwartung, zu einem als statisch empfundenen Zustand, an dem Erfüllung und Enttäuschung gemessen werden. Fällt der Zuwachs hinter die Erwartung, die intuitiv als Extrapolation der Funktion vergangener Erfüllung gebildet wird, zurück, dann tritt trotz weiteren Wachstums Enttäuschung ein. Die eigene Zukunft erscheint unsicher und gefährdet.

Wissenschaft nur noch für Lifestyle? Je mehr große Probleme gelöst sind, umso geringer erscheint der zusätzliche Fortschritt. (Bild: Ronald Inglehart)

Mit den großen Verbesserungen der materiellen Lebensbedingungen spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien, bald darauf in Westeuropa und Nordamerika und von dort ausgreifend in der ganzen Welt hat die Technik der Moderne ein selbst wiederum wachsendes Erwartungspotenzial aufgebaut, das sie auf Dauer nur enttäuschen konnte.

Ein zweiter Effekt kommt hinzu. Da die gerade geschilderten großen Fortschritte, die unzweifelhaft seit dem frühen 19. Jahrhundert erzielt wurden, Lebenserwartung, Überwindung von Infektionskrankheiten, Abschaffung körperlich mühsamer Arbeit usw., sich nicht in gleicher Intensität fortführen lassen, hat sich das Fortschrittserlebnis der Bevölkerung des reichen Teils der Welt von solchen objektivierbaren Fortschritten für alle auf eher subjektiv empfundene Differenzierungen von anderen verschoben. Das schlägt sich darin nieder, dass ab einem bestimmten Wohlstandsniveau die Lebenszufriedenheit bei weiter steigenden Einkommen nicht mehr steigt, da sie nicht mehr an einem gemeinsamen Fortschritt aller, sondern an der relativen Position in der Gesellschaft gemessen wird. Letzteres ist aber ein Nullsummenspiel, das seit Jahrzehnten empirisch gut untersucht ist.

Die Luft wird dünner: Erwartungen in epochale Errungenschaften der Technik und tatsächliche Verbesserung der Lebensbedingungen klaffen immer weiter auseinander. (Bild: Nicholas Rescher)

Diejenigen Gesellschaften, die bei einem hohen Einkommen angekommen waren und die großen, gerade beschriebenen Fortschritte in den Lebensumständen bereits hinter sich hatten, wurden mit weiter steigendem Einkommen nicht zufriedener, differenzierten ihren Lebensstil aber immer weiter aus. Statt gemeinsamer technischer Projekte, die allen nutzten, traten immer mehr individuell kombinierte Projekte in den Vordergrund, die der eigenen Positionierung dienten. Die Technik im wohlhabenden Teil der Moderne expandiert vor allem auf dem Gebiet der Statusgüter, der Unterhaltung, der Mobilität und der Spielzeuge. Damit vervielfachen sich, wie oben schon beschrieben, die technischen Sicherheitsanforderungen, allerdings ohne dass dem ein entsprechender Gewinn an Lebenszufriedenheit gegenüber steht. Wer nicht das Gefühl hat, dass sich seine eigene Lage spürbar verbessert, hat auch keine Veranlassung, Risiken für gemeinschaftliche Projekte zu akzeptieren.

Fazit und Konsequenzen

Zusammengefasst heißt das, dass die Erfolgsgeschichte technisch-wissenschaftlichen Fortschritts, einschließlich stets wachsender Sicherheit der allermeisten Technologien, notwendigerweise in der Enttäuschung über die Technik enden muss. Die Rate der Verbesserungen fällt hinter die geweckten Erwartungen zurück; dank zunehmender Naturbeherrschung erscheint die Technik am Ende gefährlicher als die Natur; die Verbesserung der Sicherheit technischer Produkte kann kaum dauerhaft mit der zumindest bislang unaufhaltsamen Konsumverdichtung mithalten; und schließlich liegen die Einmaleffekte der großen substanziellen Innovationen in der Vergangenheit und haben keine äquivalenten Nachfolger gefunden.

Die individuelle Kosten-Nutzen-Relation des weiteren technischen Fortschritts verschlechterte sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts in den hoch entwickelten Industriestaaten gerade wegen der großen Erfolge der vorangegangenen Zeit. So war es auch nur folgerichtig, dass die ökonomische und die sozialwissenschaftliche Theorie seit den 1970er Jahren nicht mehr von „technischem Fortschritt“, sondern nur noch von „technischem Wandel“ sprachen. Wenn die wissenschaftliche Theorie eine solche Revision ihrer normativen Bewertung der technischen Entwicklung vornimmt, warum sollten sich die gebildeten Leser anders verhalten? Hier gibt es durchaus tief greifende Epochengemeinsamkeiten zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, hinter denen gemeinsame historische Lernprozesse stehen.

Was von der technisch-wissenschaftlichen Entwicklung realistischerweise erwartet wird, ist Wandel – Change, nicht Fortschritt. Durchaus notwendiger Wandel allerdings, um die vielen nicht intendierten Nebenfolgen der vielen kumulativen Prozesse wieder einfangen zu können. Und auch permanenter Wandel, um dem Nullsummenspiel des Lifestyle-Gerangels mindestens kurzfristig immer wieder etwas entfliehen oder doch wenigstens darin mithalten zu können. Insofern brauchen wir zur Stabilisierung unserer Existenz ständigen Wandel, auch wenn wir nicht sicher sein können, dass der immer zum Guten führen wird. Stillstand ist aber auf jeden Fall keine Option.

Was wir von der Wissenschaft erwarten, ist, dass sie uns auf dem hohen erreichten Zufriedenheitsniveau der Lifestyle-Kurve hält. Angesichts der gerade beschriebenen Herausforderungen keine leichte Aufgabe. Der Gesellschaft ist dieser Kontext völlig bewusst, wie die vielfältigen Abstiegs- und Katastrophenängste zeigen; und er ist auch gut begründet.

Es ist überhaupt nicht irrational, nach zwei Jahrhunderten spektakulärer Verbesserung der Lebensbedingungen weiteren substanziellen Fortschrittsversprechungen gegenüber skeptisch zu sein. Die großen möglichen Erfolge sind eingefahren, die Nutzenkurve unserer Anstrengungen ist flach geworden, auch weil wir immer mehr Energie für die Reparatur selbst angerichteten Unheils benötigen. Was jetzt gefragt ist – von der Wissenschaft, aber nicht nur von ihr –, ist Stabilisierung des erreichten Guten für möglichst alle Menschen. Wenn das gelingt, können wir sehr zufrieden sein. Und wenn Wissenschaft sichtbar dazu beitragen kann, wird man auch gerne über sie lesen. Wenn sie aber weiter große Versprechungen macht, als sei das 20. Jahrhundert noch nicht vorbei, wird sich das Publikum gelangweilt abwenden.

Dieser Text basiert auf einem Vortrag, den Prof. Ulrich Wengenroth am 28. November 2017 bei „Forum Wissenschaftskommunikation“ in Braunschweig gehalten hat. Er verwendet dabei Ausschnitte aus den Kapiteln 10 und 11 seines E-Books „Technik der Moderne“ (2015), das unter diesem Link zum Download bereitsteht. Dort finden Sie alle Belege, Literaturhinweise und ausführlichen Begründungen.

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