Die Praktiker (6): Lehren aus der Pandemie – Wissenschaftskommunikation nach Corona

Posted on 17. August 2020

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Heute, in der letzten Folge der Umfrage, mit Dr. Christina Beck (Max Planck Gesellschaft), Janis Eitner (Fraunhofer Gesellschaft), Christoph Uhlhaas (acatech), Mario Steinebach (TU Chemnitz) und Rainer Borer (ETH Zürich).

 

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek hat im Interview mit „Wissenschaft kommuniziert“ die Corona-Pandemie als „dramatische, aber lehrreiche Erfahrung“ für die Wissenschaftskommunikation bezeichnet. Ist das wirklich so?

Ganz andere Erfahrungen haben zum Teil die Praktiker draußen, in den Pressestellen und Kommunikationsabteilungen, mit oder ohne Bezug zur akuten Pandemie. Sie haben die Corona-Krise hautnah erlebt, bewältigt und ihre eigenen Wege durch die außergewöhnlichen Umständen gefunden. Doch was haben sie aus diesen Erfahrungen „gelernt“?

„Wissenschaft kommuniziert“ hat sie befragt. Heute, in der sechsten und letzten Folge: Die Erfahrungen von fünf Kollegen aus München, Chemnitz und Zürich:


Dr. Christina Beck, Leiterin Kommunikation und Pressesprecherin der Max-Planck-Gesellschaft (MPG). „Forschungssprecherin des Jahres“ 2016. (Foto: Nawik)

Sind Sie bislang persönlich gut durch die Corona-Krise gekommen?

  • Für mich persönlich hat die aktuelle Krise wenig Einschränkungen gebracht. Ich habe aber auch keine schulpflichtigen Kinder und musste mich durch die großzügigen Homeoffice-Regelungen in der MPG auch keinem Ansteckungsrisiko aussetzen. Einzige Einschränkung: Es ist in diesen Zeiten noch schwieriger geworden, sich um die alten Eltern zu kümmern, wenn diese sehr weit entfernt wohnen.

Hat die Krise beruflich für Sie große Veränderungen/Belastungen gebracht?

  • Die größte Veränderung ist das Homeoffice und damit verbunden die Tatsache, dass Meetings ausschließlich virtuell stattfinden können. Die E-Mail-Last ist noch einmal angewachsen und das Führen eines größeren Teams ist schwieriger, weil der persönliche Kontakt, die Gespräche auf dem Büroflur, der gemeinsame Kaffee fehlen. Das ist der soziale Kit, der ein Team auch zusammenhält.

Was haben Sie für sich persönlich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Ich habe es genossen, dass Plätze und Orte in der Innenstadt nicht mehr überlaufen waren. Auch durch die Ausweitung der Stellflächen für Restaurants im Außenbereich gibt es mehr Platz in der Stadt für die Menschen – das sollte man unbedingt ausbauen und erhalten. In der Hochphase der Pandemie gab es eine ungewohnte Ruhe und anderes wurde hörbar, wie beispielsweise Vogelstimmen.

Was haben Sie für sich beruflich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Es geht viel mehr digital als vorher angenommen. Unser institutsübergreifendes Intranet hat in der Corona-Krise an Bedeutung gewonnen. Das war auch ein Schub für das Projekt. Neue digitale Formate wurden entwickelt, wie beispielsweise eine virtuelle Informationswoche zum Intranetprojekt.

Werden Sie in Zukunft in der Wissenschaftskommunikation andere Prioritäten/Themen setzen als vorher?

  • Nein. Wir werden aber wieder versuchen, andere Themen zu besetzen. In der Hochphase der Pandemie war es schwierig, über irgendetwas anderes zu kommunizieren als Corona.

Eine konkrete Frage zum Schluss:  Wie, denken Sie, kann das enorm gewachsene Vertrauen, die große Aufmerksamkeit, die Wissenschaft in den letzten Monaten genossen hat, in den nächsten Jahren erhalten, vielleicht sogar ausgebaut werden?

  • Im Gegensatz zu vielen anderen Wissenschaftsthemen, wie beispielsweise dem Thema Klimawandel, ist die Corona-Krise akut und betrifft jeden unmittelbar. Dem ausgesprochenen Informationsbedürfnis entsprach gerade in der Hochphase der Pandemie auch ein großes individuelles Schutzbedürfnis. Insofern glaube ich nicht, dass man diese spezifischen Erfahrungen in der Wissenschaftskommunikation auf andere Themen übertragen kann. Außerdem können wir jetzt schon beobachten, dass es einen großen Bedarf gibt, die unterschiedlichen Interessen von Wirtschaft, Sozialem und Gesundheit abzuwägen. Damit finden nun auch ganz andere Wissenschaftsdisziplinen Gehör und der Aushandlungsprozess, wie wir weiter vorgehen wollen, ist deutlich komplexer.

Janis Eitner, Direktor Kommunikation und Pressesprecher der Fraunhofer-Gesellschaft .

Sind Sie bislang persönlich gut durch die Corona-Krise gekommen?

  • Besten Dank der Nachfrage. Ich will und kann mich nicht beschweren. Wir haben ein Dach über den Kopf, die Familie erfreut sich bester Gesundheit und der Kühlschrank ist gefüllt. Die Kinderbetreuung zuhause war natürlich eine Umstellung und eine sehr intensive Zeit für alle in der Familie. Diese Umstellung bestand im Wesentlichen in der „Schichtarbeit“ und der dadurch bedingten Dauerbelastung, aber für die Kinder war die Belastung sicherlich größer. Physisch wie psychisch: Keine Spielplätze, keine Freunde und reglementierte Touren an der frischen Luft in der Hochphase des Lockdowns. Bislang ist zum Glück niemand an Corona im Familien- und Freundeskreis erkrankt – und so soll es bitte auch bleiben.

Hat die Krise beruflich für Sie große Veränderungen/Belastungen gebracht?

  • Im Beruf hat sich sehr schnell eine neue Routine eingespielt – neue Flexibilität und Flexibilitätserfordernisse, digitale Kanäle und Meetingformate, und hybride Formen von Präsenzrunden mit digitalen Erweiterungen. Vieles davon wird uns noch lange begleiten, oder sich als kleiner Paradigmenwechsel im vielzitierten „new normal“ schlichtweg etablieren. Darüber hinaus muss wegbrechenden B2B-Plattformen wie Messen, Kongressen, Tagungen oder Kundenterminen mit neuen virtuellen Formaten begegnet werden. Bei Fraunhofer haben wir mit „Fraunhofer vs. Corona“ ein eigenes Aktionsprogramm und mit „WeKnowHow“ eine flankierende Kampagne aufgelegt. Unsere Institute unterstützen wir mit regelmäßigen wöchentlichen Online-Tutorials und Expert Sessions, darüber hinaus direkt in der Fortbildung und dem Kompetenzaufbau. Selbst Pressekonferenzen funktionieren im rein digitalen Format, wenn alle Akteure und die Technik gut vorbereitet sind.

Was haben Sie für sich persönlich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Rein digitales Socializing ist nicht mein Ding. Kann man machen, muss man aber nicht – es hilft als taugliche Brücke über Notwendigkeiten in Krisenzeiten hinweg, doch es geht nichts über den persönlichen Austausch. Denn trotz Echtzeitkommunikation und Bewegtbild bleibt im virtuellen Raum ohne persönliche Nähe immer ein Teil der Botschaft auf der Strecke, bleiben Nuancen ungesehen, geht Austauschpotenzial verloren.

Was haben Sie für sich beruflich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Wenn man gut aufgestellt ist, stellt auch eine solche Pandemie-Situation keine Hürde für fortdauernde Einsatzbereitschaft und professionelle Arbeit dar. Schließlich geht doch nichts über ein eingespieltes Team sowie definierte Abläufe und Prozesse. Und über das Vertrauen in die Kreativität und Professionalität der Köpfe in der Kommunikation der Fraunhofer-Gesellschaft.

Werden Sie in Zukunft in der Wissenschaftskommunikation andere Prioritäten/Themen setzen als vorher?

  • Ja und nein: die aktuelle #WeKnowHow-Kampagne hätten wir so wahrscheinlich nicht erweitert als direkten Anschluss zur Kampagne aus unserem Jubiläumsjahr – oder das aktuelle Fraunhofer-Magazin hätte vielleicht eine andere Titelstory und thematische Schwerpunkte als „Resilienz“. Aber dies sind zum Teil auch Nuancenverschiebungen. Die Themen waren, sind und bleiben relevant, mit und ohne Corona. Wir sind stets auf der Suche nach dem besten Weg, unsere Technologiethemen, Experten-Köpfe und Forschungsergebnisse bestmöglich und zielgruppenspezifisch in die Gesellschaft zu tragen. Ein ständiger Review der eigenen Maßnahmen und Engagements wie unsere Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftsbarometer von „Wissenschaft im Dialog“, um am Puls der Zeit und Gesellschaft zu bleiben, sind da entscheidende und krisenfeste Bausteine.

Eine konkrete Frage zum Schluss:  Wie, denken Sie, kann das enorm gewachsene Vertrauen, die große Aufmerksamkeit, die Wissenschaft in den letzten Monaten genossen hat, in den nächsten Jahren erhalten, vielleicht sogar ausgebaut werden?

  • Wir müssen dranbleiben, unsere Themen, Fragen und Antworten glaubhaft, seriös und konsumierbar in die Gesellschaft und zu allen Stakeholdern zu tragen. Unsere aktuelle Kampagne setzt bereits dort an, wo es weitergehen wird: Content First ist wichtig, dazu die authentische Darstellung von Persönlichkeiten, eine gesamtgesellschaftliche Sensitivität und Sensibilität für die Sorgen und Fragen von heute und morgen ist natürlich ebenso zentral wie die anhaltende Begeisterung für Forschung und Technik. Und darüber hinaus natürlich stets auch eine gewisse Experimentierfreude, Neues zu wagen und über den Tellerrand zu blicken.

Christoph Uhlhaas, Bereichsleiter Kommunikation der Akademie der Technikwissenschaften „acatech“. „Forschungssprecher des Jahres“ 2018.

Sind Sie bislang persönlich gut durch die Corona-Krise gekommen?

  • Danke, ja. Weder persönlich noch im engeren persönlichen Umfeld gab es ernsthaftere Erkrankungen, aber im weiteren Umkreis. Ein brüchiges Glück, das von wie vielen Einflussfaktoren, ja, Zufällen abhängt.

Hat die Krise beruflich für Sie große Veränderungen/Belastungen gebracht?

  • Klar, die Arbeitsorganisation hat sich von heute auf morgen geändert, ebenso die Inhalte und auch das Zwischenmenschliche. Die Anpassung auf zeitweise 100 Prozent Homeoffice ging gut. Doch die Umstellung ist tiefgreifender, als mal verstärkt ein paar Online-Tools zu nutzen. Informelle Gespräche, zufällige Begegnungen in der Küche etwa, die fehlen. Im Arbeitskontext müssen wir deshalb gut aufeinander hören und achtgeben.

Was haben Sie für sich persönlich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Die Corona-Krise ist noch nicht vorbei; für ein Fazit ist es mir zu früh, jedoch: Persönliche Begegnungen, ob privat oder dienstlich, lassen sich virtuell überbrücken – aber nur sehr bedingt. Mich beschäftigt zudem, wie schnell sich auch hierzulande die Meinungen zu Corona polarisieren. Kleines Beispiel aus dem privaten Leben: Eine Whatsapp-Gruppe, über die Freizeitsport organisiert wurde und in der Menschen mit verschiedenstem Hintergrund Mitglied waren, zerfiel urplötzlich in Befürworter und Gegner der Schutzmaßnahmen und brach dann binnen Stunden auseinander.

Was haben Sie für sich beruflich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Ich komme zu dem Fazit, dass Vertrauen und darauf aufbauend Veränderungsfähigkeit in der eigenen Organisation das Wichtigste ist, wenn wir mit solchen neuen Situationen gut umgehen wollen.

Werden Sie in Zukunft in der Wissenschaftskommunikation andere Prioritäten/Themen setzen als vorher?

  • Ja, sicher – über die jetzige Krise hinaus wird ein zentrales Thema bleiben, wie wir als Gesellschaft in Zukunft resilienter sein können. Die Corona-Krise hat ja ins Bewusstsein gerückt, dass wir durchaus anfällig sind. Außerdem hat die Zeit besonders deutlich gezeigt, wie wichtig gerade in einer Krise die offene gesellschaftliche Debatte mit und über Wissenschaft ist. Die Professionalisierung der Wissenschafts-PR muss immer auch diesem Ziel dienen, mindestens darf sie ihm nicht zuwider laufen. Die Qualitätssicherung innerhalb der Wissenschafts-PR, die Zusammenarbeit mit und Unterstützung von Wissenschaftler*innen, die gesellschaftlich kommunizieren wollen, aber auch die Einsicht, dass Wissenschaftskommunikation ohne Qualitätsjournalismus über Wissenschaft und Technik nicht denkbar ist – diese Themen sind für mich noch dringlicher geworden.

Eine konkrete Frage zum Schluss:  Wie, denken Sie, kann das enorm gewachsene Vertrauen, die große Aufmerksamkeit, die Wissenschaft in den letzten Monaten genossen hat, in den nächsten Jahren erhalten, vielleicht sogar ausgebaut werden?

  • Die Wissenschaft hat viel Aufmerksamkeit erfahren, und sie hat sich auch Vertrauen verdient. Ob sie dieses Vertrauen auch dauerhaft erhält, ist eine andere Frage. Auch das ist ja noch nicht abgeschlossen. Selten wurde so eingehend mit und über Wissenschaft, über ihre Arbeitsweise, über vorläufiges Wissen, über Fragen der Unabhängigkeit der Wissenschaft diskutiert. Aber auch die Verschwörungstheoretiker in den sozialen Medien haben viel Aufmerksamkeit erhalten, während unser größtes Boulevardmedium Expertenstreits inszenierte. Die Erfahrungen öffnen für uns als Gesellschaft eine Tür, über Wissenschaft, ihre Rolle in offenen Demokratien aber auch über die systemische Bedeutung von unabhängigem Journalismus nachzudenken. Mein Berufsstand, die Wissenschafts-PRler, sollte diesen Prozess unterstützen.

Mario Steinebach, Leiter der Pressestelle und Crossmedia-Redaktion der TU Chemnitz. (Foto: Jacob Müller)

Sind Sie bislang persönlich gut durch die Corona-Krise gekommen?

  • Wir sind alle gesund, nur die Zeit im Homeoffice kann mitunter sehr herausfordernd sein. Meine Frau und ich arbeiten seit März fast nur von zu Hause aus. Unser großer Sohn absolvierte wochenlang sein Studium in den USA auf Grund der Zeitverschiebung am Abend und in der Nacht per Videokonferenz und unser Jüngster erlebte einen wenig strukturierten Schulalltag. Da freut man sich tatsächlich, wenn die Familie es schafft, gemeinsam in der Küche zu essen. Frustrierend war für mich jedoch, dass ich meinen Vater mehrere Monate nicht sehen konnte. Und ich habe Freunde, die beruflich sehr unter den Folgen der Corona-Pandemie leiden.

Hat die Krise beruflich für Sie große Veränderungen/Belastungen gebracht?

  • Gefühlt sitzt man pausenlos am Monitor, telefoniert mehr als je zuvor und sehnt sich zunehmend nach dem persönlichen Austausch mit seinem Team im Büro. Es fehlt auch der Gedankenaustausch beim Mittagessen in der Mensa. Wichtig ist jedoch auch, nach einem Arbeitstag den Absprung in die Freizeit zu schaffen, insbesondere dann, wenn die Rufumleitung vom Diensttelefon auf das Handy noch eingeschaltet ist.

Was haben Sie für sich persönlich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Ich habe festgestellt, wie wichtig es ist, sich fern von Telefon- und Videoschalten mit Familienangehörigen, Freunden, guten Bekannten oder Kolleginnen und Kollegen zu sehen und sich zu unterhalten. Es ist wichtig, soziale Distanzen möglichst schnell zu überwinden, sobald dies in einer Pandemie möglich ist. Zudem habe ich auch Formen der Entspannung viel intensiver genutzt und zum Beispiel in meiner Stadt Wege zum Wandern entdeckt, die mir in den letzten Jahren verborgen blieben.

Was haben Sie für sich beruflich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Wir mussten sehr schnell auf die veränderte Situation reagieren und dafür sorgen, dass sich alle Universitätsmitglieder möglichst gut informiert fühlen. Hier merkt man, wie wichtig gute Drähte in alle Bereiche der Universität sind und wie wertvoll Mitstreiter, die schnell ein technisches Problem lösen oder kurzfristig Fragen beantworten. Auch die Vorteile von Videokonferenzen habe ich zunehmend schätzen gelernt. Und ich glaube, dass in einer Phase des Social Distancing sehr wichtig ist, mehr als sonst, einfach mal danke zu sagen.

Werden Sie in Zukunft in der Wissenschaftskommunikation andere Prioritäten/Themen setzen als vorher?

  • Wir haben in den letzten Wochen natürlich auch Themen mit Bezug zur Corona-Pandemie und ihren Auswirkungen besetzt. Dennoch würde ich die Schwerpunkte nicht verlagern und unseren Kommunikationsmix so gut es geht beibehalten, um möglichst facettenreich Wissenschaft in die Öffentlichkeit zu tragen bzw. nach innen zu kommunizieren. Wichtig ist und bleibt künftig, dass sich Wissenschaft immer auf Basis von Fakten äußern sollte, auch wenn sich die Zeitabläufe bei den Medien immer mehr verkürzen. Wir Kommunikatoren sollten dafür ringen, dass ausreichend Zeit und Raum bleibt, Wissenschaft zu erklären.

Eine konkrete Frage zum Schluss:  Wie, denken Sie, kann das enorm gewachsene Vertrauen, die große Aufmerksamkeit, die Wissenschaft in den letzten Monaten genossen hat, in den nächsten Jahren erhalten, vielleicht sogar ausgebaut werden?

  • In den vergangen Monaten waren es insbesondere die Virologen, die zu einer wichtigen Instanz der Politikberatung wurden. Wissenschaft fand jetzt mehr Gehör, sogar mehr als in der Klimadebatte. Dennoch bleibt der Wissenstransfer garantiert auch nach der Corona-Pandemie eine große Herausforderung – auch für die Wissenschaftskommunikation.

Rainer Borer, Leiter der Hochschulkommunikation der ETH Zürich.

Sind Sie bislang persönlich gut durch die Corona-Krise gekommen?

  • Ja, unbehelligt vom „Corona-Viech“ konnte ich fast zwei Monate lang in unserer Ferienwohnung im Engadin Home-Office machen. Ich habe dabei einen wunderbaren Bergfrühling erlebt – und das Home-Office hat für mich und mein ganzes Team eigentlich bestens geklappt. Wir konnten sogar wichtige Projekte wie die Weiterentwicklung unserer Webseite oder die Überarbeitung unseres Corporate Designs vollkommen „remote“ abschliessen.

Hat die Krise beruflich für Sie große Veränderungen/Belastungen gebracht?

  • Sehr belastend war die kommunikative Begleitung des sehr schnellen „Herunterfahrens“ der Hochschule, noch belastender war, bzw. ist das geordnete „Wieder-Herauffahren“ der ETH Zürich mit ihren 22.000 Studierenden und über 10.000 Angestellten. Der eigentliche Home-Office-Betrieb hat aber erstaunlich reibungslos geklappt. Wir profitieren davon, dass wir auf der Hochschulkommunikation ein gut eingespieltes Team am Werk haben. Und auch davon, dass unsere Stellen – im Unterschied zu vielen in der Privatwirtschaft – sicher sind. Meckern wäre deshalb fehl am Platz.

Was haben Sie für sich persönlich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Ich bin im Home-Office extrem produktiv, weil weniger gestört durch Sitzungen und andere kurze oder längere Unterbrechungen. Das wusste ich allerdings schon vor Corona, weil ich traditionell alle zwei Wochen einen Tag zuhause gearbeitet habe. Diese Kadenz werde ich jetzt erhöhen und einmal wöchentlich von zuhause aus arbeiten.

Was haben Sie für sich beruflich aus den Erfahrungen gelernt?

  • Dank dem Virus hat die ETH Zürich einen zusätzlichen Digitalisierungsschub gemacht. Sei es in der Lehre, sei es in der Forschung, sei es in den administrativen Abläufen: Vieles lässt sich digital effizient und ebenso gut oder teilweise sogar besser als physisch vor Ort erledigen. So werden wir die Formate der digitalen Townhalls sicher weiterführen: Für die Vermittlung von wichtigen Botschaften der Schulleitung an ihre Angestellten sind E-Townhalls mit mehreren Tausend Zuschauerinnen und Zuschauern viel effizienter als die physischen Infoveranstaltungen mit ein paar Hundert Teilnehmenden, die eigentlich vor allem wegen des Aperitifs gekommen sind 😉. Wobei auch Aperitif-Veranstaltungen durchaus ihre Berechtigung haben…

Werden Sie in Zukunft in der Wissenschaftskommunikation andere Prioritäten/Themen setzen als vorher?

  • Thematisch werden wir wohl nicht viel anders machen als vor Corona. Wir legen bereits seit einiger Zeit ein starkes Gewicht auf Gesundheit und Medizin, weil dies ein strategisches Schwerpunktthema der ETH Zürich ist und hunderte von Forschenden an der Entwicklung von neuen Medikamenten, medizinischen Hilfsmitteln oder in anderen gesundheitsrelevanten Projekten arbeiten. Die entsprechende Rubrik im ETH-Zukunftsblog versucht, die Relevanz der ETH Zürich in diesem Gebiet zu belegen.

Eine konkrete Frage zum Schluss:  Wie, denken Sie, kann das enorm gewachsene Vertrauen, die große Aufmerksamkeit, die Wissenschaft in den letzten Monaten genossen hat, in den nächsten Jahren erhalten, vielleicht sogar ausgebaut werden?

  • Das muss primär auf der politischen Ebene geschehen. Der Rat der Wissenschaft und der Glaube an das aktuell beste Argument muss von der Politik auch gewollt sein. Hier öffnet sich für uns ein „window of opportunity“, das wir nutzen sollten. Kommunikativ sollten wir weiter Gas geben, um das grundsätzliche Vertrauen in die Wissenschaft zu stärken und darzulegen, dass die Erkenntnisse unserer Forschenden viel zur Lösung von Problemen beitragen können. Wir sollten aber darauf achten, nicht zu arrogant aufzutreten. Schließlich kennen auch wir den Stein der Weisen nicht wirklich. Und letztlich ist es die Politik, welche die Verantwortung trägt.

In der nächsten Woche folgt eine Bilanz zu der Umfrage: „Wissenschaftskommunikation nach Corona“ von Reiner Korbmann:“Ein bisschen Zeitenwende?“.