Ein historisches Missverständnis -Pressesprecher

Posted on 10. November 2011

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Es war einmal vor langer Zeit, da große Wissenschaftler glaubten, sie brauchen jemanden im Institut, der jährlich ihren Tag der offenen Tür organisiert, ab und zu eine Pressemitteilung formuliert und ansonsten dafür sorgt, dass alle Fachpublikationen der Forscher ordentlich archiviert werden. Wer am wenigsten zur Forschung taugte, war genau der Richtige dafür, besser noch die Richtige. Der Titel wurde schnell gefunden: Pressesprecher.

Ist die Zeit tatsächlich so lange vorbei? Der Titel Pressesprecher zumindest hält sich weiterhin, obwohl auch großen Wissenschaftlern im Lande längst klar ist, dass sie, ihr Institut, ihre Organisation kommunizieren müssen. Spätestens seit Erfindung des World Wide Web leben wir im Informationszeitalter. In unserer Gesellschaft zählt nicht mehr so sehr, was jemand leistet, sondern was davon wahrgenommen wird.

Und Kommunikation ist komplex. Allein die vielen Medien zu beherrschen, die wichtigen Zielgruppen zu erkennen und zu bedienen, die richtigen Botschaften zum entscheidenden Zeitpunkt rüberzubringen, Reputation managen, Nachwuchs anziehen, Nachbarschaft motivieren, Politik beraten, Drittmittelgeber positiv stimmen und in der Lobby von Parlamenten und Ministerien antichambrieren – das braucht Profis. Ach ja, und dann gibt es auch noch die Journalisten, der Service für die Presse. Dies alles in einer Gesellschaft, die in Informationsfluten ertrinkt (Informationszeitalter!), die hektisch von Thema zu Thema hetzt, die keine Zeit mehr hat, sich mit komplexeren Zusammenhängen zu beschäftigen, in der Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur und Unterhaltung genauso wie die Wissenschaft um Aufmerksamkeit des Publikums konkurrieren und wo viele nur darauf lauern, kleine Fehler zu entdecken, um sie zum Skandal zu stilisieren.

Natürlich können Wissenschaftler auch kommunizieren. Ob sie allerdings die Zeit, die Ausbildung und die Erfahrung haben, die vielfältigen Instrumente dieser  Kommunikationswelt richtig einzuschätzen und ihre Handhabung zu beherrschen, darf bezweifelt werden. Oder sie kommen nicht mehr dazu, gute Forschung zu machen. Ich denke, sie fahren besser, wenn sie sich bei der Kommunikation durch Profis helfen lassen – so wie dies Politiker, Unternehmen, Sportler, Künstler und Unterhaltungsindustrie längst tun. Helfen heißt dabei nicht: als Lakaien zweitrangige Arbeiten machen lassen. Wissenschaftler sollten Wert auf gute Leute legen, die sie beraten, Konzepte entwerfen, die Fallstricke rechtzeitig erkennen, die Aufgaben optimal umsetzen und hinterher auch Erfolg oder Misserfolg beurteilen.

Ob die dann noch mit „Pressesprecher“ richtig benannt sind, im Sinne des Wortes? Oder nicht doch Forschungssprecher oder Wissenschaftskommunikatoren? Oder gibt es bessere Bezeichnungen?

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