Das Paradox der Wissenschaftskommunikation – „Treffpunkt #WisskomMUC“ und „Forschungssprecher des Jahres“

Posted on 12. Dezember 2017

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Blogautor Wissenschaft kommuniziertWas für ein reichhaltiger Abend! Nicht nur einen, sondern drei Schwerpunkt bot der erste „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation München“: Der Kommunikationswissenschaftler Dietram Scheufele von der University of Wisconsin-Madison, einer der führenden Köpfe der amerikanischen „Science of Science Communication“-Agenda, sprach über „Wenn Wissenschaft polarisiert – Kommunikation in Problemfeldern“, die „Forschungssprecher des Jahres“ wurden ausgezeichnet und zum ersten Mal trafen sich Forschungssprecher, Kommunikatoren und Wissenschaftler auf Einladung der Fraunhofer-Gesellschaft beim „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation“ in München. Doch der Reihe nach.

„Treffpunkt Wissenschaftskommunikation“ #WisskomMUC – Fraunhofer-Kommunikationschef Janis Eitner begrüßt 40 Gäste.

Der „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation“ in München ist eine Initiative dieses Blogs „Wissenschaft kommuniziert“. Sie soll Forschungssprecher im Großraum um die bayerische Landeshauptstadt zusammenbringen, Fortbildung bieten, Raum zum Nachdenken über Wissenschaftskommunikation, aber auch, sich kennenzulernen, sich auszutauschen und zu vernetzen. Aber auch Wissenschaftler sollen dazustoßen, die sich für Wissenschaftskommunikation interessieren. Es gilt, Gräben abzubauen, Vertrauen zu schaffen und zusammen zu arbeiten für die Kommunikation der Forschung. Mit tatkräftiger Unterstützung der großen Forschungsorganisationen MPG und Fraunhofer, der beiden Universitäten, der acatech und der Bayerischen Akademie der Wissenschaft wurden die Kommunikatoren und Wissenschaftler eingeladen. Die Fraunhofer-Gesellschaft lud dieses Mal als großzügiger Gastgeber zu einem Get-together ein, so dass die Vernetzung perfekt gemacht werden konnte. 41 Forschungssprecher und Wissenschaftler kamen ins Fraunhofer-Haus zu diesem ersten „Treffpunkt“, der im neuen Jahr Fortsetzungen finden soll.

Übrigens, wer interessiert ist am Austausch, wer vielleicht nicht nah genug an München wohnt, um sich häufiger mit Kollegen zu treffen, wer gerade zu einem Termin keine Zeit hatte, der kann dennoch an der Vernetzung teilnehmen: online über die Facebook-Gruppe „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation München“ #WisskomMUC.

Volles Haus: Zwei Konferenzräume reichten kaum aus.

Erster Programmpunkt des Abends war die Auszeichnung der „Forschungssprecher des Jahres 2017“. Rund 700 Wissenschaftsjournalisten in Deutschland, Österreich und in der Schweiz waren namentlich aufgerufen zur Wahl. Kriterien sollten sein: Professionalität, journalistische Fähigkeiten, Verständnis für Journalisten und das Niveau der vermittelten Informationen. In diesem Jahr gab es zudem einen Sonderpreis. Drei der fünf Gewählten waren in München anwesend. Markus Weißkopf, „Forschungssprecher des Jahres“ in der Kategorie Forschungsorganisationen und Dr. Stefanie Seltmann, „Forschungssprecherin des Jahres“in der Kategorie Industrie sowie Publikumspreisträgerin dieser Kategorie, konnten nicht aus Berlin kommen. Dafür nahm Ralf Röchert vom AWI, „Forschungssprecher des Jahres 2017“ in der Kategorie „Institute und Hochschulen“, den weiten Weg von Bremerhaven nach München

Prof. Tanja Gabriele Baudson und Claus Martin, die Gewinner des Sonderpreises „Forschungssprecher des Jahres“.

Ralf Röchert, Leiter Kommunikation am Alfred-Wegener-Institut, hatte die weiteste Anreise.

auf sich, und die Sonderpreisträger Prof. Tanja Gabriele Baudson und Claus Martin kamen im Auto trotz Stau rechtzeitig aus Luxemburg. Sie erhielten die Urkunden zu ihrer Wahl und damit die Bestätigung der Kollegen für die Qualität der Arbeit, die sie leisten. Prof. Baudson und Claus Martin wurden für ihre Initiative zum „Marsch für die Wissenschaft“ in Deutschland geehrt, der große Impulse für die Wissenschaftskommunikation gesetzt hat. Näheres zu allen Preisträgern und ihrer Arbeit finden Sie hier im Blog: Die „Forschungssprecher des Jahres 2017“ – Ein ganz besonderes Jahr.

Nach Lob und Auszeichnung begann dann der ernste Teil des „Treffpunkts Wissenschaftskommunikation“. Prof. Dietram Scheufele, Kommunikationswissenschaftler und Professor für „Life Science Communication in Madison, sprach zur Kommunikation rund um Konfliktthemen der Wissenschaft. Und das werden immer mehr. Zuerst aber entschuldigte sich Scheufele, dass er von seinen amerikanischen Kollegen als deutschstämmiger Forscher immer gescholten werde, in seinen Analysen so „depressiv“ zu sein. Er wolle versuchen, auf seine Analysen auch immer positive Beispiele folgen zu lassen, wie bei Problemthemen die Klippen der Kommunikation umschifft werden können.

Das große Paradox der Wissenschaftskommunikation: Hi Daten, Daten, Daten – hi Intuition: Prof. Scheufele beim „Treffpunkt“

Als Erstes sprach er über das „große Paradox der Wissenschaftskommunikation“. Denn so sehr Wissenschaftler vor allem auf Daten vertrauen, auf Statistiken und Ergebnisse von Untersuchungen, „in der Wissenschaftskommunikation verlassen sie sich lieber auf ihre Intuition als auf die Wissenschaft selber“, so Scheufele. Mit Folgen. Noch immer sind viele Wissenschaftler, aber auch Kommunikatoren, der Meinung: Je mehr die Menschen von Wissenschaft wissen, umso eher akzeptieren sie die Ergebnisse. Doch sozialwissenschaftliche Studien zeigen eindeutig: Das stimmt nicht. Diese Erkenntnis ist nicht einmal neu ist nicht einmal neu, doch sie dringt nicht durch, denn die Intuition – laut Wikipedia eine Entscheidung „ohne diskursiven Gebrauch des Verstandes“ – führt immer wieder dazu, vor allem über wissenschaftliche Ergebnisse informieren zu wollen. Genau dieses „Defizit-Modell der Wissenschaftskommunikation“ ist – wissenschaftlich gesehen – tot. Im Gegenteil, einige Studien sagen sogar, dass Menschen umso kritischer wissenschaftlichen Sachverhalten gegenüber stehen, je mehr sie davon wissen.

Scheufele lieferte auch eine einleuchtende Erklärung: Menschen verhalten sich rational, wenn sie Informationen, die sie gerade nicht benötigen, gar nicht erst an sich heranlassen. Zu viele Entscheidungen – große wie kleine – werden von jedem Einzelnen jeden Tag verlangt. Bei jeder rational die Argumente abzuwägen, würde viel zu lang dauern und zu viel Kraft erfordern, also benutzt jeder „Shortcuts“, Abkürzungen oder Routinen, grundlegende Einstellungen, die ihm das Abwägen und lange Nachdenken ersparen. Scheufeles Bekenntnis: „Glaube ich an Klimawandel? – Ja – Habe ich detailierte wissenschaftliche Arbeiten dazu gelesen? – Nein – Ich glaube, dass die wissenschaftliche Methode die richtige ist, um derart komplexe Fragen zu beantworten.“ Das ist sein Shortcut.

Wie sehen Naturwissenschafts-Studenten Wissenschaftler? Klischees in ihren Köpfen.

Ein weiteres Shortcut: Das Bild des Wissenschaftlers in der Öffentlichkeit. Scheufele bittet seine etwa 150 Studenten zu Beginn eines Kurses immer, fünf Begriffe aufzuschreiben, die ihnen spontan zu einem Wissenschaftler einfallen. Das Ergebnis wird in eine Wort-Wolke umgewandelt, wo die Größe der Schrift die Häufigkeit der Nennungen wiederspiegelt. Das Ergebnis ist ein einziges Klischee, ja fast eine Karikatur: Weiß, männlich, Brille, Labormantel, smart. Wenn schon diese Studenten der Naturwissenschaften, die bereits in Labors gearbeitet haben, kein differenzierteres Bild von Forschern haben, wie soll das beim „Mann auf der Straße“ besser sein?

Klischees in allen Köpfen: Ausschnitt aus einer Google-Bildsuche nach „Wissenschaftler“.

Wie man gegen diese Klischees angehen kann, berichtete Scheufele anhand einer gezielten Zusammenarbeit der Vereinigung der amerikanischen Akademien der Wissenschaften mit Hollywood, bei der Verfilmung des populären Comics „Thor“. Da wurde das Drehbuch umgeschrieben, um aus der harmlosen Krankenschwester eine tuffe Physikerin zu machen, die Schauspielerin Natalie Portmann verkörpert „The Woman of Science“, eine Gallionsfigur, die für weite Breeiche der Bevölkerung Wissenschaft gewichtiger macht,  als etwa die Witzfiguren, wie man sie findet, wenn man in Goggle nach Bildern von Wissenschaftlern sucht. Denn eines darf man bei solchen Aktionen nicht vergessen: Oft laufen die Bilder im Kopf der Menschen nicht den Weg über nüchterne Information, sondern über „Erlebnisse“ in packenden Spielfilmen. Die ersten Informationen zur Nanotechnologie etwa bekam der amerikanische – und sicher auch der europäische – Bürger nicht durch Wissenschaftskommunikation, sondern durch den Film „Terminator III“ über Arnold Schwarzenegger.

Mark Zuckerberg bezieht Stellung – Ein Wirbelsturm in der Filterblase impfmüder Kalifornier.

Überhaupt Kommunikation über Mittelsmänner oder –frauen: Das ist nach Scheufeles Ansicht ein Weg, wie man Zielgruppen erreichen kann, die sich sonst nicht für Wissenschaft interessieren oder die der Wissenschaft skeptisch gegenüberstehen. Jüngstes Beispiel – und das mehr zufällig als geplant –ist der Erfolg eines Facebook-Posts von Mark Zuckerberg. Als Hintergrund dazu: In den USA tobt – schlimmer noch als bei uns – eine erbitterte Debatte um Impfungen. Und ausgerechnet im Silicon Valley-Staat Kalifornien, wo die bestausgebildeten Menschen leben, ist die Impfrate von Kindern dramatisch niedrig. Zuckerberg postete am 8. Januar fünf Worte, nachdem er mit seiner kleinen Tochter bei der ersten Impfung war: „Doctor’s visit – time for vaccines!“. In der aufgeheizten Atmosphäre schlug das wie eine Bombe ein: innerhalb von Stunden wurde der Post 75.000 Mal geteilt, rund drei Millionen Menschen schauten ihn sich an. Prominente können viel mehr bewegen als alle wissenschaftlichen Fakten und Erklärungen zusammen.

Natalie Portmann als „The Woman of Science“ im Film „Thor“.

Und sie helfen, die Barrieren von abgeschlossenen „Filterblasen“ zu überwinden. Denn die ausgefeilten Auswahl-Algorithmen in den Medien des Internets – völlig undurchsichtig und von Außen nicht beeinflussbar, selbst nicht durch die User selbst – führen immer stärker zum „Microtargeting“ – Informationen ganz auf den Einzelnen zugeschnitten, was ihn nicht interessiert wird ihm nicht angeboten, die Welt erscheint nur noch als Insel der eigenen praktizierten Interessen. Der Mensch sieht die Gesellschaft, in der er lebt, nur noch als eine Spielwiese von Menschen, die genau so denken, wie er selbst. Wer sich nicht für Wissenschaft interessiert, hört dann auch nichts mehr davon, nicht einmal, dass es so etwas gibt. Selbst hergebrachte, hoch angesehene Medien lassen immer mehr Algorithmen entscheiden, was und wie im Internet publiziert wird. Prof. Scheufele berichtete von der „Washington Post“, die bei wichtigen Ereignissen mehrere unterschiedliche Versionen eines Berichts für wenige Minuten ins Netz stellt. Dann wird danach entschieden, welche Version am häufigsten angeklickt, am weitesten gelesen wir. Diese Version steht kurz darauf als einzige in der Online-Ausgabe – automatisch, kein Redakteur entscheidet mehr.

Scheufele unterstrich die Bedeutung von Begrifflichkeiten und ihres Bezugsrahmens. Es genügt nicht, die Kommunikatoren ganz am Ende eines Forschungsprozesses hinzuzuziehen: Der Begriff „Frankenfood“ allein, von politischen Gegnern sehr früh gestreut, hat die Grüne Gentechnik ins politische Abseits geführt, ohne dass es negative Fakten brauchte. „Wenn ein derartiger Begriff erst einmal etabliert ist“, so Scheufele, dann ist er nicht mehr zurückzunehmen.“ Heute wäre es Zeit, das die Wissenschaft sich Gedanken um Begriffe für neue Entwicklungen macht, etwa zum „Gen-Editing“, der gezielten Veränderung einzelner Gene. In Publikationen wird dies schon als „Crack of Creation“ bezeichnet, also als „Zerreißen der Schöpfung“.

Prof. Dietram Scheufele, Life Science Communication in Wisconsin-Madison: „Jeder schmiedet seine eigene Wirklichkeit.“

Doch wenn trotz aller Widrigkeiten tatsächlich Fakten einmal durchdringen zu den Menschen, die der Wissenschaft skeptisch gegenüber stehen, was bewirken sie? Es hängt vom Empfänger ab, welche er akzeptiert und welche nicht. „Motivated Reasoning“ nennt sich diese Erscheinung, die in Zeiten des Internets, der Echokammern und Filterblasen besondere Brisanz erreicht: Nicht mehr Fakten verändern das Weltbild, sondern es werden nur noch die Fakten zugelassen, die in das eigene Weltbild passen. Jeder schmiedet sich seine eigene Wirklichkeit. Das führt zu einer Aufspaltung der Gesellschaft, die heute – nicht nur in den USA – bereits Wirkungen zeigt. Populistische Parteien bekommen immer mehr Zulauf. Und die Polarisierung der Gesellschaft schreitet fort, eine Debatte oder gar Überzeugung in der Mitte, wird immer unwahrscheinlicher.

Wissenschaftskommunikation, so die Überzeugung von Scheufele, muss umdenken. Sie muss nachdenken, welche Ziele sie erreichen will: Begeisterung für Wissenschaft, rationale Politik oder höhere Akzeptanz? Jedes erfordere eine andere Kommunikationsstrategie. Sie muss vor allem auf sozialwissenschaftliche Daten bauen, denn ohne Verständnis, wie die Gesellschaft funktioniert, wird Wissenschaft nicht fähig sein zum Dialog mit ihr. Und sie muss sich klar sein, wie beschränkt ihre Möglichkeiten als Wissenschaft sind, denn die meisten Themen, zu denen sie mit der Gesellschaft debattiert, haben keineswegs nur technische oder faktische Antworten. Da geht es um ethische, moralische, religiöse oder gesellschaftliche Fragen, zu denen Wissenschaftler als Bürger, als Mensch Stellung beziehen können, aber nicht aufgrund ihrer beruflichen Expertise. Aber das sind Fragen, denen sich die Wissenschaft ebenfalls stellen mus, sagt Scheufele. Es seit wichtig, dass sie dafür gut gerüstet ist, mit wissenschaftlichen Ergebnissen und nicht nur durch die Intuition ihrer Wissenschaftler.

Ein Vortrag, der viel Nachdenken anregte und eine intensive Diskussion, zunächst im Saal und dann an den Stehtischen beim Get-together. Ein wichtiges Ziel des „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation“ wurde erreicht.

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